Dreiklang 2013 auf Schloss Sondershausen

DREIKLANG – Der Mitteldeutsche Kinderchor probt und konzertiert in Thüringen

Das Achteckhaus im Sonderhäuser Schloss füllte sich drei Tage lang ausschließlich mit Klängen von Kinderstimmen. So sangen hier über 130 Kinder und Jugendliche gemeinsam und verbrachten erlebnisreiche Stunden, organisiert dieses Mal vom Thüringer Sängerbund.

Seit diesem Jahr mit neuem Konzept unter der künstlerischen Gesamtleitung von Ulrich Kaiser, dem MDR-Kinderchorleiter, sowie weiteren Kinderchorleitern (s.o.) studierten sie deutsche, englische und lateinische Lieder und Werke des zumeist 20. und 21. Jahrhunderts ein.

Was ist das Neue? Die besondere Anforderung war eine Neu-Komposition und entsprechende Uraufführung von„Meeresstille und glückliche Fahrt“ von Goethe, das u.a. schon von Beethoven oder Mendelssohn Bartholdy bekannt ist. Der 14jährige Kruzianer Jan Arvid Pree schrieb das Auftragswerk für dieses Dreiklang-Chorprojekt, in dem jeder der teilnehmenden Chöre seinen eigenen Part mit seinem entsprechenden Anforderungsniveau bekam, sodass alle beteiligten Kinderchöre, egal ob der einstimmige Grundschulchor der Wezelschule Östertal Sondershausen oder der künstlerisch hoch anspruchsvolle „Kinderchor der Stadt Halle/Saale – Das Original seit 1974“, ihre Herausforderungen hatten und teilweise 12 Stimmen gleichzeitig erklangen.

Ebenfalls neu dabei war die Beteiligung eines Kinderchores der Region. Ziel dieses Gedankens ist die Verbesserung der Singefähigkeit der Grundschüler, die bekanntlich in den letzten Jahrzehnten deutschlandweit gesunken ist, auch in Thüringen. Außerdem soll Motivation geschaffen werden, schon frühzeitig und anhaltend in einem Kinderchor zu singen. Mit der Grundschul-Chorleiterin Ute Franke fand sich ein solcher Chor an der Wezelschule Sondershausen, der in seiner Schule lange vorher mit den Proben beginnen konnte und auch eine besondere Probe mit Ulrich Kaiser im Vorfeld hatte. Interessanterweise erhöhte sich allein durch dieses Projekt die Mitgliederzahl der Kinder im Chor von 15 auf 30. Die Kinder kamen dann jeweils an den Nachmittagen Samstag und Sonntag zum Workshop in der Landesmusikakademie dazu und nahmen mit Begeisterung an der Abschlusspräsentation teil. Hier entstand also erstmals solch ein „Singen. Bündnis[se]“, wie sie der Deutsche Chorverband anstrebt, das den Kindern Impulse gibt für das Weitersingen im Chor ihrer Schule.

Es ist zwar diskutabel, ob man mit Kindern solche Werke wie das o.g. Auftragswerk erarbeitet, das keinerlei kindgemäßen Inhalt hat. Aber der junge Komponist Pree begründete seine Textwahl von „ Meeresstille und glückliche Fahrt“ vor dem zahlreichen Publikum bei der Abschlusspräsen-tation damit, dass sich die Zweiteiligkeit gut für eine Vertonung eigne – im ersten Teil treibt ein Boot auf dem Meer und kommt nicht vom Fleck, weil Windstille herrscht und die Fischer Angst bekommen („Keine Luft von keiner Seite! Todesstille fürchter-lich!“), im zweiten Teil endlich kommt mit dem Aufreißen der Nebel und einem Lüftchen die ersehnte Hoffnung der Fischer wieder und die Todesangst schwindet („Es naht sich die Ferne; schon seh ich das Land!“). Klanglich und rhythmisch sehr anspruchsvoll für die Kinder wurde so anfangs die Stille und die lähmende Angst hörbar mit fast auf einer Tonlinie laufenden Melodik über lautmalerischen kleinsten Wellenbewegungen des Wassers in den Unterstimmen oder wabernden Nebel-Klangflächen des gesamten Chores. Die Erlösung im zweiten Teil lässt die Melodie in immer größere Höhen steigen, was besonders die Kinderchöre aus Zwickau und Halle bravourös umsetzten.

Es klappte sicher noch nicht alles so wie gewollt, aber im Vordergrund des Projektes stand die gemeinsame Arbeit daran, noch nicht die fehlerfreie Aufführung. Ulrich Kaiser führte sehr kompetent durch die Proben, in denen die Kinder sich entsprechend der Anforderungen im Laufe der drei Tage enorm steigerten. Trotzdem hatten sie genügend Zeit zum Austoben und Entspannen. So gewann ein Mädchen z.B. den Merkwettbewerb des Kennenlernspiels mit dem Merken von 50 Namen.

Eine weitere Neuerung in diesem Jahr war, dass jeder der teilnehmenden Chöre den anderen Chören ein „mitgebrachtes“ Lied beibrachte. Hier waren also die anderen Chorleiter gefragt. So studierte Bärbel Eichelkraut (Chemnitz) das „Ave Maria“ des Ungarn Zoltan Kodaly mit allen ein, Sabine Bauer & Manfred Wipler (Halle) Henry Purcells „Sound the trumpet“, Elke Grimm (Bad Lobenstein) Georg Gershwins „I got Rhythm“ und Tobias Bader (Leipzig) Andrew Llloyd Webbers „Pie Jesu“. Außerdem erarbeitete Steffen Klau-münzner zwei wundervolle Frühlingslieder (Carl-Heinz Dieckmanns „Schnee-glöckchen“ und Gottfried Glöckners „Sommerlied“), die am Anfang und Ende so duftig, leicht erklangen, dass man Gänsehaut bekam. Insgesamt erlernten die Kinder also neben dem Auftragswerk „Meeresstille und glückliche Fahrt“ noch fünf weitere Lieder, die einer der Chöre immer schon kannte, was sich bei der Erarbeitung als äußerst optimal erwies. Die Chorleiter haben auch gut zusammengearbeitet und schätzen das diesjährige Projekt sehr positiv ein. Gerade die Literatur der anderen Chöre ist für sie Anregung, sie im eigenen Chor weiter zu verwenden. Zusätzlich zu den gemeinsam erarbeiteten Liedern hatte jeder der Chöre die Möglichkeit, bei der Abschlusspräsentation eigene Chorsätze vorzustellen und zu zeigen, was er drauf hat.

Die Sondershäuser Grundschüler zeigten mit bewegtem Singen, dass sie „immer größer“ werden, und sangen mit Buchstabenschildern vom EIBEL, der sich durch Vertauschen der Buchstaben dann in LIEBE verwandelte. Die Bad Lobensteiner Mädchen sangen ein Vocalisen-Air von Händel und zeigten mit „O Happy Day“ neben echtem Gospelsound eine gut einstudierte Choreografie. Der Chemnitzer Chor zeigte eine für einen Schulchor äußerst saubere Klangschönheit bei seinen Liedern aus dem Woodburry-Liederbuch von Hanns Eisler, besonders aber im ungarisch gesungenen Klagelied „Siralmas nekem“ aus dem Zyklus Idegen földon von György Ligeti. Der MDR-Nachwuchs-kinderchor (das sind Kinder im Alter von ca. 10-11 Jahren) zeigte mit Thomas Morleys „Now is he month of maying“ und Richard Rodney Bennets „Glühwürmchen“ anspruchsvolle Chorliteratur. Höhepunkt der Eigenvorführungen wurden die zwei zeitgenössischen Werke der Hallenser Kinder, die sie auswendig und sehr ausdrucksstark zu Gehör brachten. Manfred Wipler dirigierte das „Omnis mundi creatura“ des Holländers Winjand van Klaveren, das Gänsehaut erzeugte, und Sabine Bauer dirigierte (von der Seite im Sitzen!) Till Eulenspiegels „Die linken Schuh“ von Wolfram Graf, da hier auf faszinierende Weise minimalistische Kopfbewegungen und Gesten, die die Handlung unterstützten, gesehen werden sollten. Der Beifallssturm des Publikums gab dem Recht, das war eine wettbewerbs-reife Aufführung! Hier hatten wir die Chance, Kinderchorkunst auf sehr hohem Niveau zu erleben. Auch die vielen Gäste, darunter Landrätin Antje Hochwind, Sondershausens Bürgermeister Joachim Kreyer, die erste Beigeordnete der Stadt Cornelia Kraffzick sowie die drei Präsidenten der Chorverbände Sachsen, Sachsen-Anhalt und des TSB waren beeindruckt.

Letzte Neuerung war die Möglichkeit für Musiklehrer und Kinderchorleiter zu hospitieren, was von nur zwei jungen Chorleitern genutzt wurde. Beide zeigten große Begeisterung, knüpften viele Kontakte bis hin zur Einladung ins Probenlager der Hallenser und kehren mit vielen neuen Impulsen nach Hause zurück.

Heike Rieger